Body Positivity, warum mir das nicht genug ist
Body Positivity, doing my best. Warum Body Neutrality vielleicht der bessere Ansatz ist.

Body Positivity, warum mir das nicht genug ist

Ein Gedankenspiel

Als ich im Jahre 2017 recht spät zu Instagram stieß und von Body Positivity noch keine Ahnung hatte, passierte mir zunächst genau das, was wohl den meisten passiert: Ich sah sehr viele dem Schönheitsideal entsprechende Frauen. Frauen mit Sixpack im Bikini, Frauen mit seidenglatter Haut und Pfirsichpo im Fitnessstudio, Frauen, die quasi 2 Minuten nach der Entbindung fitter aussahen, als ich es in meinem ganzen Leben und zu meinen dünnsten Zeiten nicht getan habe.

Dies geschah zu einer Zeit, in der ich durch die Einnahme von Antidepressiva etwas zugenommen hatte und mich so gar nicht mehr wohl in meinem Körper fühlte. Ich sollte hier vielleicht erwähnen, dass ich immer schon mit meinen Imperfektionen und meinem nicht-dem-Ideal-entsprechenden Gesicht zu hadern hatte. Etwas prominentere Nase, einige sichtbare Aknenarben, eher dünnes Haar … Und dann kam dazu noch eine extrem empfindliche Haut mit eher dunkler und auffälliger Bein- und Armbehaarung, derer ich mich nie ohne starken Juckreiz, Rasurbrand und eingewachsener Haare entledigen konnte. Ich habe mich oft geschämt und nicht für schön genug oder auch nur normal genug empfunden. Aber wer tut das schon?

Es gab jedoch eine Sache, derer ich mir immer sicher war: Ich hatte das perfekte Gewicht! Egal was ich tat, ich war immer ziemlich schlank und hatte dennoch eine als sehr weiblich definierte Figur. Manchmal sprachen Menschen mich an mit Sätzen wie: „Boah, du bist doch so faul, wie schaffst du es nur, so dünn zu bleiben?“ Einmal traf ich mich mit einem Mann, der sagte: „Normalerweise werden alle Frauen irgendwie dicker, wenn sie ein bisschen älter werden. Aber du bist immer noch so schön schlank.“ Ich fühlte mich zwar selten schlank genug, dennoch war es etwas, das mir Halt gab und ich fühlte mich gebauchpinselt, wenn mir Leute für mein Gewicht und meine schlanke Figur Komplimente machten. Besonders praktisch war es, dass ich tatsächlich nie etwas dafür tun musste. Ich stopfte mir Süßigkeiten rein, aß gerne Pommes oder eine ganze Pizza und bewegte mich lediglich, wenn ich zum Klo musste oder am Wochenende im Club feiern war. Nichts brachte meine schlanke Silhouette sichtbar aus dem Gleichgewicht (ja, doch mal eine Weile die Antibabypille, aber das ging relativ zügig nach Absetzen wieder weg). Bis mich eine Angststörung packte …

So geschah es, dass der Psychiater mir zwei Antidepressiva verschrieb. Innerhalb kürzester Zeit nahm ich zu und fühlte mich nun überhaupt nicht mehr wohl in meinem Körper. Meine Lieblingsklamotten passten nicht mehr und sogar meine Unterhosen waren auf einmal richtig unbequem (Das hat mich tatsächlich mit am meisten genervt. Unterhosen können doch gar nicht zu klein werden!).

Wie Instagram mich zu Body Positivity brachte

Zu dieser Zeit startete ich also meine Instagramreise und wurde bombardiert von sehr vielen hübschen Menschen und fühlte mich echt unattraktiv. Hatte ich vorher noch meinen schlanken Körper, aus dem ich einiges an Selbstwert bezog, so kam ich mir jetzt einfach vor, als hätte ich gar nichts mehr, aus dem ich mein Wertgefühl bezüglich meiner Optik beziehen könnte. Vielleicht noch meine Wangenknochen … 

Egal, ein bisschen Zeit verging und ich fand inmitten des Photoshop-Wachsfigurenkabinetts auf der „Entdecken-Seite“ Fotos von Menschen, die genauso unperfekt waren wie ich. Ich fing an, einigen Seiten zu folgen und meine Auseinandersetzung mit dem Thema Body Positivity begann. Ab und an postete ich Fotos von meinen neu-gewonnenen Speckröllchen und meiner Cellulite oder meinen Aknenarben und hashtaggte diese natürlich dementsprechend mit #bodypositivity #flawsandall #bodyhairdontcare #effyourbeautystandards etc.

Ich hatte nach relativ kurzer Zeit immer über hundert Likes auf meinen Fotos (mind you, ich kannte keine Sau und mich kannte auch keine Sau, so empfand ich das Wachstum meiner Seite kurzzeitig als sehr befriedigend) und fand mich sehr bestätigt in dem, was ich tat. Ich dachte: „Hey, wenn du dich traust, dich hier so zu zeigen, nimmt dir das auch die Angst, dich draußen auf der Straße so zu zeigen.“ Außerdem fühlte ich mich, als würde ich einen Beitrag leisten, ein Gegengewicht zu den vermeintlichen Übermenschen, die selbst nach einer Zahn-OP noch aussehen, als wären sie von ganz oben mit übermäßig viel Symmetrie und Perfektion beschenkt worden.

Es fing an, sich toll anzufühlen, wenn Menschen meine Fotos positiv kommentierten. Und selbst die gelegentlich sexistische Anmache schmeichelte mir irgendwie. Aber es geschah auch noch etwas anderes: Ich fing an, meinen Feed zu planen und Hashtag-Analyse zu betreiben, um herauszufinden, wie ich meinen Account bekannter machen konnte. Wie ich es schaffen würde, mehr Likes zu bekommen. Und dabei wollte ich nie Influencerin werden, weil dafür bin ich ja vieeeel zu „intellektuell“, ich wollte einfach nur mehr Bestätigung.

Dem Instagram-Algorithmus sei Dank fluktuierten meine Likes stark und ich merkte, wie sehr es mich wurmte, dass ich nicht mehr so viele Likes bekam, wie auf dem einen Bild, wo es so viele waren. Ich war zu stolz, mich wirklich für Likes zu verkaufen oder zu tun, was man wahrscheinlich meistens tun muss, um bei Insta relevant zu bleiben. Gleichzeitig konnte ich es auch nicht akzeptieren, dass sich trotz meiner wenigen Mühe kein weiteres Wachstum einzustellen schien. Ich bemerkte, dass ich mich ohne die Bestätigung kein bisschen besser fühlte als zuvor, auch nicht mit Body Positivity.

Ich sah mir weiterhin die anderen Bilder von unperfekten Instagrammern an. Auch die Influencer aus der Body Positivity Szene schienen immer nur das Gleiche zu posten. Jeden Tag irgendein Bild von ihren dicken Schenkeln oder Schwangerschaftsstreifen, von Hängebrüsten und vollbehaarten Beinen und runden Bäuchen ohne sichtbare Taille. Und irgendwie stellte sich nicht mehr der erwünschte Effekt während des Durchscrollens dieser Fotos ein. Ich fühlte mich zwar immer noch weniger allein in meiner Unvollkommenheit, aber gleichzeitig stieß mir diese permanente Selbstdarstellung auf. War das alles wirklich so viel anders als das, wozu man ein Gegengewicht bilden wollte?

Die Bildbeschreibungen waren dabei etwas, das mich am meisten störte. Wieso kann ein Körper nicht einfach existieren? Wieso posieren Spraytan-Kardashian-Lookalikes ungeniert, während gefühlt jedes zweite Foto mit nicht-normschönen-Menschen nur mit Hashtags wie #loveyourself #bodyposi #saggybreastsmatter etc. existieren kann? 

Bringt uns das nicht am Ende zurück an den Anfang des Problems? 

Kann Body Positivity auf Instagram uns wirklich zu einem besseren Selbstgefühl verhelfen?

Ich hörte auf, bei Instagram zu posten und archivierte fast alle Posts, die mich selbst promoteten oder mit denen ich eigentlich hauptsächlich nach Bestätigung suchte (konnte sie natürlich nicht löschen, denn ey, die ganzen Likes kann ich doch nicht einfach so für immer in die Vergessenheit befördern). Na klar wollte ich mit meinen Beiträgen zu Body Positivity auch ein bisschen dem guten Zweck dienen, aber wenn ich ehrlich bin, ging es primär um mein Selbstwertgefühl und darum, wie viele Leute meinen Speckbauch wohl gut finden würden. Ich merkte, wie viel besser es mir ging, und realisierte, dass ich mit meiner Reise, was Selbstannahme betrifft, noch ganz am Anfang stand. Dieses große Wort Body Positivity und die ganze Community dahinter sind wertvoll und wichtig, aber der wirkliche Wachstum, kann der wirklich auf Social Media Plattformen wie Instagram geschehen?

Ich habe meine Bachelorarbeit zum Thema “Feministische Bewegungen auf Instagram und die neue Möglichkeit, sich von restriktiven Weiblichkeitsbildern zu befreien” geschrieben und eigentlich doch gar keine Ahnung, ob wir hier überhaupt weiterkommen.

Body Positivity ist natürlich etwas Erstrebenswertes, aber gleichzeitig empfinde ich Druck dabei. Druck mich unbedingt lieben zu müssen, und zwar auch jeden noch so nicht-ideal-geformten Körperteil von mir. Ja, auch meinen Arsch mit etwas zu viel Orangenhaut. Aber ist das wirklich nachhaltig? Kumbaya mit anderen Unperfekten singen und sich dabei nackt an den Händen haltend im Kreis drehen? Sich ständig sagen: „You go girl, you look awesome! Shake those muffin tops!“ Ich habe natürlich nichts gegen nacktes Beisammensein und Singen, aber in dem Kontext kommt es mir doch alles etwas forciert vor. Ist es dann nur “love your body” und alles ist gut? Wäre nicht sowas wie “allow yourself to be” erstrebenswerter?

Sobald Einzelpersonen auf Instagram oder irgendwelchen anderen Social Media Plattformen ein Geschäft daraus machen, sich als „gut genug“ fühlen zu dürfen und generische Fotos von sich und ihren Makeln wie am Fließband posten, gibt es dann da überhaupt noch Raum für das Wesentliche? Verkümmert die gut gemeinte Body Positivity nicht auch nur zu einem Social Media Gag, bei dem Menschen mit vermeintlichen Makeln Bestätigung suchen und sich eigentlich nicht, dem meiner Meinung nach wirklichen Problem mit dem Selbst stellen müssen? 

Body Positivity ist am Ende auch nur oberflächlich. Natürlich kann es Menschen, die sich nicht gut genug fühlen oder aufgrund ihres Aussehens ausgegrenzt werden, helfen und das ist auch toll so! Dass wir durch Social Media heute die Möglichkeit haben mitzubestimmen, was gezeigt wird, ist wunderbar. Dass marginalisierte, sonst nahezu medial unsichtbare Gruppen sich zeigen und ihre Erfahrungen dadurch mit anderen teilen können und Menschen, die ähnlich aussehen, damit Halt geben, ist wichtig und gut. Sollte aber der nächste logische Schritt nicht sein, sich dann mit sich selbst losgelöst von „den Anderen“ zu beschäftigen? Was passiert, wenn wir die Smartphones weglegen und wieder auf uns selbst gestellt sind? Fernab von Safe Space und Echokammer?

Body Neutrality statt Body Positivity

Ich fragte mich: “Wieso können wir nicht eher Body Neutrality zu einem Hype machen?“ Hierbei würde es dann nicht darum gehen, alles an sich lieben oder schön finden zu müssen. Und es würde unser Äußeres bei unserer Selbstwahrnehmung nicht mehr so in den Vordergrund stellen. Wir könnten den nächsten Schritt in Richtung Selbstannahme tun und herausfinden, dass unser Körper nur ein winziger Bruchteil von dem ist, was uns ausmacht. Wir könnten auch einfach mal etwas an uns unansehnlich finden, ohne dass es uns fertig macht. Ein interessanter Beitrag zum Thema Body Neutrality ist auch bei Salty zu finden.

Ich merke selbst, wie schwer mir das fällt. Wie ich manchmal doch nach instant-Befriedigung suche. So schnell wie möglich Komplimente zu meinem Äußeren abstauben. So schnell wie möglich bestätigende Worte bekommen, dass ich weiblich genug für eine Frau sei oder dass ich überhaupt ganz toll bin … Aber was, wenn das, was ich zu lieben lernen will, viel größer ist als das? Was, wenn ich mit Neutralität viel weiter komme, da ich dann den Fokus auf etwas weniger Oberflächliches lege. Etwas, das vielmehr mit innerem Einswerden als mit äußerlicher Bestätigung zu tun hat.

Ich erfreue mich immer noch an den Fotos und Projekten toller Männer und Frauen und nicht-binären Personen, die anders sein zelebrieren und wenig repräsentierte Menschen sichtbar machen. Sei es Queere, Transgender, Menschen mit Behinderung, Menschen die auf Grund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Es ist wunderbar, dass wir als Spezies diese Möglichkeit haben, uns sichtbar zu machen und uns gegenseitig zu unterstützen. Aber wenn der erste Schritt des Sich-Herauswagens, Sich-Sichtbarmachens und mit anderen Zusammenschließens gekommen ist, wann kommt dann der logische zweite?

Wann widmen wir uns dem Inneren? Wann geht es nicht mehr um Body Positivity sondern um Body Neutrality? Wann erkennen wir, dass die optische Annahme und das Zugehörigkeitsgefühl nur ein winziger Teil der Reise sind?

Ich weiß nicht, was richtig ist. Ich weiß nicht, ob das, was ich sage, nicht abgehobener Mist ist, den nur jemand von sich geben kann, der im Grunde auf hohem Niveau jammert und sonst nie wirklich unter seinem Äußeren zu leiden hatte, außer vielleicht ein paar Hänseleien in der Schule.

Ich weiß nur: Ich will meinen Selbstwert nicht mehr aus meinem Gewicht oder Körper beziehen. Ich will weitergehen und mich aus meinem Inneren heraus okay finden. Und das ohne #bodyposi #flawsandall oder #efffyourbeautystandards und dem großen Überbegriff der Selbstliebe, den viele so gerne auf ihre körperlichen Unzulänglichkeiten anwenden. Ich will lieber lernen, neutral zu sein. Annehmen was ist, auch wenn ich vielleicht nicht immer alles an mir liebe. Wohlwissend, dass dies auch gar nicht wichtig ist, damit ich mit mir im Reinen sein kann.

PS: Das ist übrigens auch der Grund, warum du bei ovolution auf der Website keine Bilder von Körpern findest. Ist dir das schon aufgefallen?

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